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klimaspiraleklimadatendatenvisualisierungthreejsclaude-code26. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit

Klimaspirale Teil 1: Von einem Video zu eigenen Daten – Einfach erklärt

ENDS 2021 → Rohdaten · SOURCE VERIFIEDKI-generiertes Bild
Editorial-Illustration: Werkstatt-Szene auf dunklem Schreibtisch. Links ein gerahmtes Filmstreifen-Frame mit einer kleinen Klimaspirale, darunter ein Play-Balken mit der Aufschrift 'ENDS 2021'. Aus dem Rahmen läuft ein Papierband voller monatlicher Anomaliewerte nach rechts durch einen metallenen Prüfstempel-Apparat mit grün leuchtender Anzeige 'SOURCE VERIFIED'; davor eine Lupe und Stecknadeln.Editorial-Illustration: Werkstatt-Szene auf dunklem Schreibtisch. Links ein gerahmtes Filmstreifen-Frame mit einer kleinen Klimaspirale, darunter ein Play-Balken mit der Aufschrift 'ENDS 2021'. Aus dem Rahmen läuft ein Papierband voller monatlicher Anomaliewerte nach rechts durch einen metallenen Prüfstempel-Apparat mit grün leuchtender Anzeige 'SOURCE VERIFIED'; davor eine Lupe und Stecknadeln.

An einem Morgen lief in einem Subreddit ein Video hoch: die Klimaspirale. Ein Ring dreht sich Jahr für Jahr weiter nach außen, von blau nach rot. Am Ende kippt die flache Scheibe zur Seite und wird ein Trichter. Das Video hatte schon über tausend Upvotes. Es war ein Reupload, woher genau ließ sich nicht feststellen.

Eine Umdrehung ist ein Jahr, oben der Januar. Man liest keine Zahlen, man sieht eine Bewegung: hundert Jahre zittert die Linie um dieselbe Stelle, dann wandert sie, zuletzt schnell.

Die Daten enden 2021. Ich suchte nach einer neueren Fassung und fand immer denselben Clip. Also fragte ich Claude, ob wir das nachbauen können.

Ein Irrtum über das Werkzeug

Kurz vorher hatte ich HyperFrames entdeckt — ein Werkzeug, das eine Webseite Bild für Bild abfilmt und daraus ein Video macht. Die Spirale schien mir genau der Fall dafür.

Claude riet sofort ab, und zwar heftig:

„Klartext vorweg: Hyperframes oder irgendein AI-Videogenerator ist hier der falsche Weg. Die Klimaspirale ist keine ‚generierbare’ Animation, sondern eine exakte datengetriebene Visualisierung — jeder Punkt ist ein realer Monatswert. Ein AI-Modell würde dir eine hübsche, aber faktisch falsche Spirale halluzinieren.“

Der zweite Teil stimmt. Ein Bildgenerator hätte etwas gemalt, das aussieht wie Klimadaten, ohne einen einzigen echten Wert darin. Nur war die Prämisse falsch: HyperFrames ist gar kein KI-Videogenerator. Claude hatte den Namen dafür gehalten und geurteilt, bevor es nachsah.

Meine Antwort kam mitten im Satz:

„Natürlich will ich es rendern, bin ja nicht blöd. Recherchier mal nach HyperFrames…“

Dann kam die Recherche, dann die Rücknahme. Claude räumte ein, vorschnell gewesen zu sein. Nebenbei hatte es aber schon die Datenlage geprüft: die NASA-Messreihe reichte weit über das Video hinaus. Der Nachbau würde also zeigen, wie sich die Spirale seither weitergedreht hat.

Die Zahlen

Zuerst kamen die Zahlen. Eine Spirale ohne belastbare Daten ist nur eine hübsche Grafik.

Die Quelle ist GISTEMP — die globale Temperatur-Messreihe der NASA. Die Daten liegen öffentlich, ließen sich aber nicht automatisch herunterladen. Der Server lieferte für ein Skript einfach nichts aus. Also nahm Claude eine laufend gepflegte Kopie und zog daraus 1752 Monatswerte, von Januar 1880 bis Dezember 2025.

Zahlen aus zweiter Hand sind ein Problem, wenn man hinterher „NASA-Daten“ sagt. Also verglichen wir Stichproben mit der Originaltabelle bei der NASA, und die stimmten überein. Der Umweg war ein Transportweg, keine zweite Wahrheit.

Was „wärmer“ hier bedeutet

Pro Zeile ein Jahr, ein Monat, eine Zahl in Grad. Steht dort +1,48 °C, war es nicht 1,48 Grad warm. Es heißt: dieser Monat war um so viel wärmer als üblich. Und „üblich“ ist der Durchschnitt der Jahre 1951 bis 1980.

Warum so umständlich? Denk an ein Haus. Im Keller ist es immer kühler, unterm Dach immer wärmer. Ein Durchschnitt fürs ganze Haus hängt davon ab, wo die Thermometer hängen — und den Keller kann man nicht beim Nachbarzimmer abschreiben.

Bei der Erde ist es dasselbe, nur größer. Messstationen stehen ungleich verteilt: in Gebirgen, Wüsten, auf dem Meer. „Zwei Grad wärmer als sonst um diese Zeit“ funktioniert dagegen überall gleich. Deshalb steht auf der Skala der Spirale ein Unterschied und keine Temperatur.

Warum die Reihe 1880 anfängt

Vor 1880 hat durchaus jemand Thermometer abgelesen. Einzelne Reihen reichen weit ins 19. Jahrhundert zurück. Sie liegen aber fast alle im Norden und auf dem Land. Für große Teile der Erde gibt es schlicht keine Werte.

Das ist wie eine Umfrage über ein ganzes Land, bei der nur eine Gegend geantwortet hat. Man hat Antworten, nur keine, die für alle sprechen. 1880 ist kein besonderes Jahr in der Klimageschichte — es ist der Punkt, ab dem genug Messstellen über die Erde verteilt sind.

Der Bautag

Noch in derselben Sitzung entstand ein erster Entwurf: eine schnelle Grafik, eigentlich nur ein Beweis, dass die Zahlen stimmen und sich zu einer Spirale fügen. Am letzten Bild konnte man schon sehen, wie die jüngsten Schleifen gegen die 1,5-°C-Linie drücken.

Der Entwurf konnte aber etwas nicht: das Kippen am Ende, den Übergang von der flachen Scheibe in den Trichter. Also wechselte das Projekt auf Three.js — ein 3D-Werkzeug für den Browser. Dort ist der Übergang nur eine Kamerabewegung in derselben Szene, keine zweite Grafik.

Im Kern ist die ganze Sache eine Umrechnung von Tabellenzeilen in Orte im Raum. Der Monat bestimmt die Richtung. Die Abweichung bestimmt den Abstand zur Mitte, kalt innen, warm außen. Und die Zeit bestimmt die Höhe. Von oben betrachtet ist es eine flache Spirale. Kippt die Kamera, wird daraus der Trichter.

Dann kam die Optik. Ich schrieb meine Wünsche auf:

„Wir sollten einen Ring mit dem Durchschnittswert, also 0 Grad Abweichung, hinzufügen. Diese eine ist weiß, Temperaturen darunter bläulich, Werte darüber orangerot. […] Dann wäre es gut, wenn wir die Geschwindigkeit am Ende, ab ca. 2000, etwas reduzieren könnten, damit es besser wirken kann. […] Und ich hätte gerne die Möglichkeit, es auch auf Englisch zu erzeugen. Und: Gibt es schon Datenpunkte für 2026?“

Der weiße Ring wurde die optische Mitte: ohne eine Zahl zu lesen, sieht man, wo das langjährige Mittel liegt. Blau darunter, orangerot darüber. Die Verlangsamung am Ende sorgt dafür, dass die jüngsten Jahre stehen bleiben, statt vorbeizuhuschen.

Jede Änderung kostete einen neuen Durchlauf, und ein Durchlauf über rund 1800 Bilder dauert. Ein guter Teil des Tages war schlicht Warten.

Die Webseite-Frage

In einer Wartezeit kam die Frage, die am Ende wichtiger wurde als das Video:

„Könnten wir diese Animation inkl. 3D-Darstellung mit Maussteuerung (drehen, kippen usw.) auch als Webseite erstellen?“

Im Video fährt die Kamera eine feste Bahn. Wenn dieselbe Szene im Browser läuft, entscheidet der Zuschauer selbst, von wo er hinschaut, wie schnell die Reihe aufbaut und wo sie anhält.

Die Frage stand, bevor irgendjemand im Projekt wusste, ob es aktuellere Spiralen gibt.

Aus derselben Wartezeit kam auch die Entscheidung für den durchscheinenden Zylinder bei 1,5 Grad:

„Lass uns den transluzenten Zylinder nur bei 1,5 Grad machen (weil das mal das Klimaziel war).“

Über den Halbsatz in der Klammer habe ich damals gar nicht weiter nachgedacht.

Der Befund

Einen Tag später stand der Entschluss zu veröffentlichen. Vorher wollte ich zwei Dinge geprüft haben:

„Mach vorher noch zwei Dinge: 1. Plausibilitätscheck: nicht dass unsere Darstellung der Daten einen Fehler hat. Das wäre peinlich. 2. Gibt es die Spirale wirklich nicht in einer aktuelleren Version als 2021/2022? Das wäre auch peinlich.“

Die Zahlen stimmten. Aber: es gibt doch eine aktuelle Klimaspirale — von der NASA selbst. Das Scientific Visualization Studio der NASA pflegt eine Fassung, die monatlich nachgezogen wird. Ed Hawkins, von dem die Darstellungsform stammt, pflegt seine ebenfalls.

Der Anlass des Projekts stand damit auf einem Irrtum. Was bleibt, ist ein kleinerer, eigentlich interessanterer Satz: die Fassung, die alle kennen und teilen, hängt einfach hinterher.

Der Clip, der überall geteilt wird, endet bei 2021. Das Leitbild im Wikipedia-Artikel ist ein Standbild von 2017. Was als „die Klimaspirale“ durch die Feeds geht, ist fünf bis neun Jahre alt — während die gepflegte Fassung jeden Monat aktualisiert wird.

Gebaut wurde trotzdem. Was die NASA veröffentlicht, ist ein Video: sechzig Sekunden, eine feste Kamerafahrt, ein Blickwinkel, den jemand anderes ausgesucht hat. Die eigene Fassung läuft im Browser. Man kann die Spirale drehen, zoomen, anhalten, zurückspulen und jeden Monat anklicken. Das macht die Daten erlebbar, statt sie nur zu zeigen.


Teil 1 von 4 der Klimaspirale-Serie.

Klimaspirale Teil 2: Die Baseline-Falle →

Kommentare

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