Klimaspirale Teil 2: Die Baseline-Falle
Teil 1 hatte die zweite Prüfung erledigt: es gibt bereits eine gepflegte Klimaspirale, und der ursprüngliche Anlass war weg. Die erste Prüfung war der Plausibilitätscheck der eigenen Darstellung. Die Zahlen stimmten schon. September 2023 mit +1,48 °C ist tatsächlich der höchste Einzelmonat der Reihe, 2024 das wärmste Jahr, aber eben nicht der wärmste Monat.
Was der Recherche-Subagent nebenbei fand, steckte nicht in den Daten. Es steckte in der Skala: der durchscheinende Zylinder, den ich am Bautag bei 1,5 °C hatte setzen lassen, stand nicht da, wo das Klimaziel eigentlich liegt.
Zwei Nullpunkte für dieselbe Erwärmung
Unsere Achse zeigt GISTEMP-Anomalien gegen den Basiszeitraum 1951 bis 1980. Das Pariser Abkommen redet über Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit, üblicherweise gerechnet als 1850 bis 1900. Beides sind Aussagen über dieselbe gemessene Erwärmung, und sie kommen halt zu verschiedenen Zahlen.
Für die Umrechnung gibt es eine offizielle Zahl. Die GISTEMP-FAQ sagt wörtlich „adding ~0.19ºC“: wer einen GISTEMP-Wert auf vorindustriell umrechnen will, addiert 0,19 °C. Die FAQ datiert den Versatz ausdrücklich auf Januar 2025 und weist darauf hin, dass er sich künftig noch leicht ändern kann. Es ist ja auch selbst ein Messwert mit Datenstand, keine Konstante. Claude Code rechnete ihn auch an unserer eigenen Reihe nach und kam auf denselben Wert.
Die Kreuzprobe lief über den IPCC: der sechste Sachstandsbericht nennt für das Jahrzehnt 2011 bis 2020 eine Erwärmung von 1,09 °C gegenüber 1850 bis 1900. GISTEMP liefert für denselben Zeitraum gegen 1951 bis 1980 etwa 0,90 °C. Plus 0,19 ergibt 1,09.
Was das für die eigene Grafik heißt, ist ziemlich unangenehm. Der Ring bei 1,5 °C auf unserer Skala entspricht vorindustriell rund 1,69 °C und liegt damit jenseits von Paris, nicht darauf. Das Pariser 1,5-Grad-Ziel sitzt auf unserer Skala nur bei 1,31 °C, also deutlich innerhalb des Rings, der ja die ganze Zeit „Klimaziel“ hieß.
Damit war klar, wie jemand diese Grafik falsch lesen kann, ohne selbst einen Fehler zu machen. Er sieht die jüngsten Schleifen gegen einen Ring drücken, an dem 1,5 °C steht, erinnert sich an das Abkommen und zieht den naheliegenden Schluss. Auf dieser Skala ist der Schluss falsch, denn die Pariser Marke liegt eben weiter innen.
Die Regel, die ich daraus mitgenommen habe, ist eng: den Ring bei 1,5 °C nie „Paris-Ziel“ nennen, ohne im selben Bild zu sagen, gegen welchen Zeitraum gerechnet wird.
Diese Sorte Umrechnung braucht man in dem Feld eigentlich ständig, weil praktisch jede Reihe ihren eigenen Nullpunkt mitbringt. GISTEMP rechnet gegen 1951 bis 1980, die NOAA-Reihen gegen das 20.-Jahrhundert-Mittel oder gegen 1991 bis 2020, Copernicus gegen 1850 bis 1900. Vier Bezugsperioden für dieselbe Atmosphäre, und wer Zahlen daraus einfach nebeneinanderlegt, produziert Widersprüche, die keine sind.
Der Paris-Schalter
Der Vorschlag kam von Claude Code. Die vorhandenen Ringe bleiben, wo sie sind: sechs Stück von −0,5 bis +2 °C, mit dem weißen Nullring in der Mitte. Dazu kommt dann noch ein zweites Paar, gestrichelt, bei 1,31 und 1,81 °C. Beschriftet ist dieses Paar mit 1,5 und 2 °C, denn das sind die Pariser Zahlen. Der Abstand zu den gleich benannten durchgezogenen Ringen ist der Versatz selbst, sichtbar als Lücke statt als Fußnote.
„Ja, das wäre eine gute Option unserer interaktiven Seite, so ein Paris-Schalter, der sichtbar die Verschiebung darstellt.“
Die Konstruktion führt keine zweite Datenquelle ein. Es bleibt eine Achse mit einer Reihe, nur die Beschriftung wechselt den Bezug. Die ganze Reihe spannt von −0,82 bis +1,48 °C, und in dieser Spanne sind 0,19 °C ein Abstand, den man beim Draufschauen schon für Strichbreite halten kann. Genau deshalb reicht es auch nicht, ihn nur zu zeichnen. Er muss benannt werden.
Zur Beschriftung kam dann ein Einwand von mir:
„Sollten wir überhaupt Paris 2,0 Grad anzeigen? Das impliziert ja, als hätte es eine 2-Grad-Vereinbarung gegeben.“
Im Pariser Abkommen steht ja keine Zwei-Grad-Vereinbarung. Der Text verpflichtet darauf, die Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten, und zusätzlich darauf, Anstrengungen zu unternehmen, sie auf 1,5 °C zu begrenzen. Die 2,0 sind die Obergrenze, unter der man bleiben will, die 1,5 halt das eigentliche Ziel. In einer Grafik, in der beide als gleichrangige Marken übereinanderliegen, verschwindet dieser Unterschied.
Daraus wurden zwei verschiedene Beschriftungen. Der gestrichelte Ring bei 1,5 heißt „Paris-Ziel 1,5 °C“ und ist gelb, der bei 2,0 heißt „Paris-Limit 2 °C“ und ist rot. Der Unterschied besteht aus einem Wort und einer Farbe, und er entscheidet, was jemand aus einem Screenshot mitnimmt. Zwei gleich benannte Ringe hätten aus einer Obergrenze ein zweites Ziel gemacht, das so ja niemand vereinbart hat.
Die Draufsicht
Senkrecht von oben in den Trichter zu schauen ist ja die naheliegendste Bewegung, wenn man eine Spirale vor sich hat. Und genau dabei war das Bild unbrauchbar.
„Wenn die Spirale fertig ist und ich sie so kippe, dass ich senkrecht von oben drauf schaue, dann verdecken die Linien die Ringe komplett“
Die Jahresschleifen liegen übereinander und decken die Skalenringe zu. Die obersten sind der Kamera näher und werden dadurch größer abgebildet als die unteren. Die flache Draufsicht ist aber eigentlich die Form, mit der diese Darstellung bekannt geworden ist. Der Clip, der das Projekt ausgelöst hat, läuft die längste Zeit als flache Scheibe und kippt erst am Ende. Wer im Browser von oben draufschaut, sucht also die Ansicht, die er kennt, und bekam bis dahin ein zugewachsenes Bild.
Claude Code baute daraus einen Schalter, der die Perspektive aus der Ansicht nimmt. Danach liegt von oben ein flaches Diagramm da, in dem kein Ring dem Betrachter näher ist als ein anderer. In der Draufsicht verschwinden auch die Jahresscheiben, weil sie dort genau übereinanderstehen und ohnehin nichts zeigen.
Ereignis-Marker
Dann kam von mir eine Idee, die die Spirale um eine Ebene erweitert:
„Wie wäre es, wenn wir besondere Ereignisse mit schwebenden Labeln mit anbauen, wie z. B. den Pariser Beschluss, 1990 glaube war das?“
Die Jahreszahl ist geraten, und sie ist falsch. Verabschiedet wurde das Abkommen 2015, in Kraft trat es 2016. Ich lag um ein Vierteljahrhundert daneben, und die Verifikation hat es einfach kommentarlos richtiggestellt. In diesem Projekt hat die Belegkette mein Gedächtnis häufiger korrigiert als umgekehrt.
Dieselbe Prüfung lieferte zu jedem Kandidaten eine Jahreszahl und einen belegten Effekt. Der Pinatubo-Ausbruch 1991 kühlte das globale Mittel um etwa 0,4 °C ab, mit dem Tiefpunkt im Jahr darauf. Die 0,5 bis 0,6 °C, die man dafür häufiger liest, gelten nur für die Nordhalbkugel. Weil unsere Reihe eine globale ist, gehört auch der kleinere Wert ins Bild. Kyoto war 1997.
Bei den politischen Ereignissen kam ein Problem heraus, das ein Marker eigentlich gar nicht lösen kann: sie haben zwei Zeitpunkte. Das Pariser Abkommen wurde 2015 verabschiedet und trat 2016 in Kraft. Der erste amerikanische Austritt wurde 2017 angekündigt und war 2020 wirksam. Ein schwebendes Schild hängt halt an einem einzigen Jahr. Welchen der beiden Zeitpunkte man nimmt, ist eine Entscheidung, keine Tatsache.
Die Falle in der eigenen App
Zwei Tage später stand ich vor der laufenden Anwendung und hielt einen dieser Marker für einen Fehler.
„Ich denke, da gibt es einen Fehler: Beim Event ‚2024 - erstes Jahr über 1,5 °C (vorind.)’ ist die Kurve ganz deutlich unterhalb von 1,5 Grad zu sehen. Ist das ein anderer Bezugsraum oder passt es von der Darstellung nicht?“
Die Antwort auf die Frage im letzten Halbsatz ist ja. Das Label macht eine Aussage über vorindustrielle Erwärmung, die Achse ist eine 1951-bis-1980-Achse, und deshalb sitzt ein Ereignis „über 1,5 °C“ sichtbar unterhalb der 1,5-Linie im Bild. Beide Angaben sind korrekt, und zusammen sehen sie halt aus wie ein Rechenfehler. Das ist genau die Falle, wegen der der Paris-Schalter überhaupt existiert. Sie hat mich in meiner eigenen Anwendung erwischt, mit der Umrechnung noch im Kopf.
Ich fragte gleich ein zweites Mal nach, weil ich auch nicht verstand, warum überhaupt 2024 ausgezeichnet ist: „Ähm, aber wieso 2024, die Jahre davor und danach sind doch auch jeweils wärmer als ihre Vorjahre?!“ Das Peinliche steht im Zitat selbst. Das Label sagte „(vorind.)“, die Abkürzung für vorindustriell, und damit stand die Auflösung schon im Bild. Ich habe sie überlesen. Eine abgekürzte Bezugsangabe in Klammern erklärt einfach nichts. Man liest sie halt erst, wenn man ohnehin schon weiß, worauf sie hinweist.
Die Entscheidung fiel gegen das Streichen und für die unspektakuläre Variante: das Label bleibt, und der Wert auf unserer Achse kommt dahinter, in diesem Fall +1,29 °C. Damit stehen beide Bezüge im Bild, und wer sie nicht zusammenbringt, findet die Auflösung direkt daneben.
Wer an dieser Stelle nachrechnet, stößt allerdings auf noch eine Unstimmigkeit: 1,29 plus 0,19 sind 1,48, also knapp unter 1,5. Auf unserer Reihe erreicht 2024 die Marke demnach gar nicht. Die Aussage im Label kann also nicht aus dieser Reihe stammen, sondern aus einer anderen. Verschiedene Temperaturreihen kommen für dasselbe Jahr eben auf unterschiedliche Werte, weil sie halt unterschiedlich messen und zusammenrechnen. Das ist derselbe Effekt wie der Basiszeitraum, nur eine Ebene höher: nicht der Nullpunkt unterscheidet sich, sondern die ganze Reihe.
Sauber wäre, im Label die Quelle mitzunennen. Am Ende ging das Label einen anderen Weg: Es sagt inzwischen „wärmstes Jahr seit Messbeginn“ — eine Aussage, die die eigene Reihe deckt und deshalb gar keine fremde Quelle mehr braucht. Die 1,5-Grad-Einordnung samt Quellenangabe steht stattdessen im Erklär-Overlay.
Der erste Zuschauer, der über dieses Label gestolpert ist, war ich.
Das Erklär-Overlay
Am selben Abend schrieb ich den Auftrag, der aus der ganzen Baseline-Sache eine Seite in der Anwendung machte:
„Wir brauchen noch gute, leicht verständliche Erklärungen auf der Seite, warum die Pariser Ziele abweichen und wie viel und das mit den unterschiedlichen Bemessungszeiträumen“
Daraus wurde ein Overlay hinter einem ⓘ, zweisprachig, vier Abschnitte lang. Was eine Anomalie ist und was ein Basiszeitraum. Warum die Reihe gegen 1951 bis 1980 rechnet und das Abkommen gegen 1850 bis 1900. Der Versatz mit den Umrechnungen. Und der Abschnitt, den ich eigentlich für den wichtigsten halte.
Dieser vierte Abschnitt sagt, dass ein Rekordmonat auf dieser Skala nicht bedeutet, dass ein Klimaziel gerissen ist. Dafür gibt es zwei Gründe, und der Versatz ist nur der erste. Der zweite: das Abkommen spricht von langfristiger Erwärmung, nicht von nur einem Monat.
Die menschengemachte Erwärmung liegt im Dekadenmittel 2016 bis 2025 bei 1,24 °C, so die jährliche Bilanz der globalen Klimaindikatoren. Die beobachtete globale Temperatur lag zwar im gleitenden Mittel erstmals über 1,5 °C, liegt laut Copernicus aktuell mit 1,43 °C aber schon wieder darunter. Die Überschreitung war ein Ereignis, noch kein Zustand.
Der Zugang zum Overlay ist die Zeile, die im Paris-Modus in der Fußzeile steht: Bezugszeitraum, Versatz in Klammern, „was heißt das? ⓘ“. Der Hinweis steht also genau dann da, wenn vier Ringe im Bild sind und die Frage aufkommt, warum zwei davon woanders liegen.
Das Overlay steht in der Anwendung, nur einen Klick von der Spirale entfernt. In den Videos ist es halt nicht drin. Wer die Klimaspirale nur als Animation sieht, sieht den Zylinder bei 1,5 °C, liest die Beschriftung und hat einfach keine Stelle, an der das mit dem Basiszeitraum steht.
Alles, was pub und scrub angeht, machen wir später. Erst mal bauen, dann saubermachen.
Teil 2 von 4 der Klimaspirale Serie.
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Die Spirale aus dieser Serie gibt es als Projekt: Klimaspirale.