Anderthalb Jahrhunderte.
Ein Trichter.
146 Jahre globale Temperaturmessung, aufgewickelt zu einer Spirale: jeder Monat seit 1880 ein Punkt, jede Umdrehung ein Jahr, und am Ende ein Trichter, der sich nach oben aufweitet. Frei drehbar im Browser, mit CO₂-Kurve daneben, Paris-Ringen und einem Overlay, das erklärt, wie die Zahlen zu lesen sind.


Der Clip endet 2021, die Einwände stehen darunter
Die Klimaspirale läuft seit Jahren durch die sozialen Netze, meistens als Reupload einer NASA-Visualisierung, deren Daten 2021 aufhören. Wer sie heute sieht, sieht also eine Grafik, der fünf Jahre fehlen, und keine Möglichkeit, das selbst nachzuprüfen.
Unter solchen Posts steht immer dieselbe Handvoll Einwände. Der Zeitraum sei viel zu kurz für eine Aussage, die Rekordmonate seien bloß El Niño, und der Basiszeitraum sei ohnehin so gewählt, dass die Kurve nach oben zeigt. Ein fertig gerendertes Video kann darauf nicht antworten, es läuft ja einfach weiter.
Genau da setzt diese Fassung an. Jeder dieser drei Einwände hat im Bild einen Schalter bekommen: die CO₂-Kurve für den langen Zeitraum, die Super-El-Niño-Marker für die Rekordmonate, das Erklär-Overlay für den Basiszeitraum.
Eine Spirale, die man drehen und befragen kann
Interaktive 3D-Spirale
Die Monatswerte laufen als Linie von 1880 nach oben, frei drehbar per Maus oder Touch, mit Play, Pause und einem Scrub-Slider über die ganze Reihe.
CO₂ neben der Wirkung
Rechts neben der Zeitachse läuft die CO₂-Konzentration mit: Eiskern bis Februar 1958, danach die Messreihe von Mauna Loa. Die Naht bleibt sichtbar.
Erklär-Overlay und Paris-Ringe
Ein zweites Ringpaar sitzt auf den vorindustriellen Paris-Schwellen, und das Info-Overlay erklärt, warum die beiden Ringsätze nicht auf derselben Höhe liegen.
Was man sieht
Die Spirale startet flach von oben. Jeder Monat sitzt auf seinem Winkel im Jahreskreis, der Radius ist seine Anomalie, und die Farbe folgt dem Temperaturwert von Blau über nahezu Weiß nach Rot. Am Ende kippt die Kamera, und die Windungen fahren in die Höhe auseinander.
Dann steht ein Trichter im Bild, der sich nach oben aufweitet, weil die jüngsten Monate die größten Abweichungen haben. Die Referenzkreise zwischen −0,5 und +2 °C werden dabei zu durchscheinenden Leitzylindern, an denen sich die Aufweitung ablesen lässt.
Daten und Quellen
Die globale Reihe ist NASA GISTEMP v4, der Datensatz GLB.Ts+dSST, mit Monatswerten von Januar 1880 bis Juli 2026. Angegeben sind Anomalien gegen den Basiszeitraum 1951 bis 1980, so wie GISTEMP sie selbst veröffentlicht.
Die Paris-Schwellen sind eine andere Rechnung. Sie beziehen sich auf 1850 bis 1900, und um von der einen Basis auf die andere zu kommen, braucht es einen Versatz von +0,19 °C. Auf der GISTEMP-Skala liegen die anderthalb Grad deshalb bei +1,31 °C und die zwei Grad bei +1,81 °C. Genau das erklärt das Info-Overlay, samt dem Hinweis, dass ein einzelner Rekordmonat noch kein gerissenes Ziel ist.
Die CO₂-Reihe kommt aus zwei Quellen, weil keine einzelne den ganzen Zeitraum abdeckt. Bis Februar 1958 zeichnet sie den Eiskern von Law Dome in der Antarktis, danach die Messreihe von Mauna Loa aus dem Global Monitoring Laboratory der NOAA. An der Umschaltstelle liegt ein Versatz von 0,57 ppm zwischen den beiden Reihen, und der bleibt sichtbar: der Eiskern-Teil ist gestrichelt, die Messreihe durchgezogen.
Die kanonischen Monatswerte liegen als JSON im Projekt, und die in die Szene eingebetteten Arrays werden daraus generiert. Vor jedem Render prüft ein Abgleich, ob beide noch übereinstimmen. Von Hand editiert wird an den eingebetteten Daten nichts.
Das Projekt ist keine eigene Forschung, und ich bin kein Klimawissenschaftler: Die Spirale zeichnet veröffentlichte Reihen der genannten Institutionen, nach bestem Wissen aufbereitet und mit offengelegter Methodik. Wer einen Fehler findet, schreibt mir.
Die Videofassungen
Neben der interaktiven Seite gibt es die Spirale als gerenderte Clips in 4K, jeweils 60 Sekunden bei 30 Bildern pro Sekunde, auf Deutsch und auf Englisch, im Quadrat und im Hochformat. Gerendert werden sie über HyperFrames, das die Three.js-Szene Bild für Bild aus einer virtuellen Uhr abtastet.
Deterministisch heißt hier: kein Zufall, keine Systemuhr, keine Netzabrufe, keine Abhängigkeit vom Bildschirmtakt. Jedes Bild folgt allein aus seiner Zeitposition, und derselbe Renderlauf liefert zweimal dasselbe Ergebnis. Die CO₂-Kurve fehlt in den Clips bewusst, sie gehört zur interaktiven Fassung.
Die übrigen Fassungen liegen in der Videogalerie: hochkant statt quadratisch, und zu jedem Format eine zweite Variante mit den Paris-Ringen. Dort stehen auch die 4K-Dateien zum Herunterladen und ein Schnipsel zum Einbetten.
Wie das Projekt entstand
Am Anfang stand ein Reupload in einem Subreddit, in dem Leute sich gegenseitig Beeindruckendes zeigen. Die Frage war erst einmal nur, ob sich das mit aktuellen Zahlen nachbauen lässt, und die Antwort darauf hat länger gedauert als der Nachbau selbst: die Animation ist der einfache Teil, die geprüften Daten sind es nicht.
Danach ging es vier Wochen lang nicht mehr um die Grafik, sondern um die Einwände. Der Basiszeitraum, die Geometrie der Spirale, die El-Niño-Frage und zuletzt die CO₂-Kurve sind alle nachträglich eingebaut worden, weil sie als Widerspruch aufgetaucht sind. Die Serie erzählt diesen Weg Schritt für Schritt.
Fragen zu Daten oder Methodik?
Wenn eine Zahl, eine Quelle oder eine Entscheidung in der Darstellung unklar bleibt, schreib mir. Zu jedem Wert gibt es eine Quelle, und die nenne ich gern.
E-Mail schreiben →