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klimaspiraleklimadatendatenvisualisierungthreejsclaude-code26. Juli 2026 · 10 Min. Lesezeit

Klimaspirale Teil 3: Der Einwand, den ich übersehen habe

r = anomaly + 1.2 · gleiche Bandbreite, außen mehr WegKI-generiertes Bild
Editorial-Illustration: Zeichentisch-Szene. Ein Maßband liegt spiralförmig abgerollt auf dunklem Grund — die inneren, kurzen Windungen in Blaugrau, die äußeren, immer längeren in Kupferrot, alle exakt gleich breit. Links daneben ein Stechzirkel und die Maßband-Kapsel, davor ein handgeschriebener Zettel mit der Formel 'r = anomaly + 1.2'.Editorial-Illustration: Zeichentisch-Szene. Ein Maßband liegt spiralförmig abgerollt auf dunklem Grund — die inneren, kurzen Windungen in Blaugrau, die äußeren, immer längeren in Kupferrot, alle exakt gleich breit. Links daneben ein Stechzirkel und die Maßband-Kapsel, davor ein handgeschriebener Zettel mit der Formel 'r = anomaly + 1.2'.

Das Erklär-Overlay stand, die Videos waren gerendert, und der nächste Schritt wäre gewesen, die Seite zu veröffentlichen. An der Stelle habe ich angehalten.

Einen richtigen Review hatte es bis dahin nicht gegeben. Claude Code hatte ja alles gebaut und kannte die Dateien aus der Arbeit heraus. Aber mitbauen und unabhängig prüfen ist halt nicht dasselbe.

Also habe ich einfach mit Claude einen Prüfauftrag aufgesetzt, der mich als Quelle komplett rausnimmt.

Der Prüfauftrag

Der Auftrag wurde rund sechzig Zeilen lang. Der erste Absatz nahm mich aus dem Spiel:

„Lies Repo-Struktur, ALLE spiral-*/index.html, die interaktive HTML und die JSON-Quelldaten SELBST ein. Verlass dich nicht auf mein Wort.“

Dann die Rangordnung, weil es vorher ja hauptsächlich um Optik gegangen war:

„Korrektheit und ehrliche Darstellung sind das eigentliche Qualitätskriterium, nicht die Optik.“

Jeder Satz im Ergebnis musste belegt sein. Und am Ende zwei Fragen, die nicht nach Fehlern suchen, sondern nach Lücken:

„Welchen wissenschaftlichen Einwand gegen diese Visualisierung übersehe ich, der mir auf YouTube um die Ohren fliegt?“

„Worin bist du am wenigsten sicher? Pro Punkt ein Prüf-Kommando oder eine Quelle.“

Dazu noch zwei Regeln. Claude Code bekam die Rolle Reviewer, nicht Implementierer. Und die Ergebnisse gehörten in zwei Dateien im Repo statt in den Chat: ein Postmortem mit dem Gesamturteil je Clip und eine sortierte Fundliste.

Dateien kann ich ja hinterher Zeile für Zeile durchgehen. Eine Chatantwort wäre ohnehin nach dem nächsten Auftrag weg.

Der Prüfbereich war der ganze Bestand: acht Video-Kompositionen, die interaktive Fassung, die Datendateien, das README, die Standbilder vom Rendern, die git-Historie und der Veröffentlichungsplan.

Ein Fund daraus: der Versatz von +0,19 °C, an dem der ganze Paris-Strang aus Teil 2 hängt, ist laut GISS-FAQ ein versionierter Wert, der sich mit einer Revision verschieben kann.

Die Europa-Lücke

Wir hatten vor, die Spirale auch für Europa zu bauen, als zweite Ansicht neben der globalen. Die Daten dafür lagen schon im Projekt.

Claude Code zog die Datenarrays aus den Kompositionen und ließ sich Länge, Anfang und Ende ausgeben. Die globale Reihe lief bis ins laufende Jahr. Europa: 1692 Einträge, Januar 1880 bis Dezember 2020.

Der Review formulierte den Fund als Frage: „Erste YouTube-Frage wird sein: Warum hört Europa 2020 auf?“

Die fehlenden Jahre sind ja nicht irgendwelche. Europa gilt als der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt, und die Rekordjahre liegen genau in dieser Lücke.

Die Ursache war dann auch schnell gefunden. Die klassischen Regionalreihen von Berkeley Earth werden schon länger nicht mehr aktualisiert. Der aktuelle Weg führt über ein Produkt, das hinter einem Passwort-Gate mit Registrierungspflicht sitzt. Also die Umstellung auf die europäische Landreihe aus Climate at a Glance der NOAA, die bis ins laufende Jahr reicht.

Weil diese Quelle eine andere Bezugsperiode benutzt, musste die Reihe pro Kalendermonat auf 1951 bis 1980 umgerechnet werden. Das ist eben dieselbe Basis, an der die ganze Skala hängt. Dass die Umrechnung stimmt, lässt sich einfach prüfen: über die Basisperiode gemittelt liegt jeder der zwölf Kalendermonate höchstens 0,005 °C von null entfernt.

Der Abgleich gegen die alte Reihe ergab eine Korrelation von 0,973 und eine mittlere Abweichung von −0,05 °C. Zwei unabhängig gerechnete Reihen über denselben Kontinent bewegen sich also Monat für Monat fast gleich. Die Umstellung hat die Reihe verlängert, nicht umgeschrieben.

Der Spitzenwert wanderte trotzdem deutlich: +3,97 °C im Februar 2024, gegenüber +2,40 °C im letzten Monat der alten Reihe. Regionale Monatswerte schwanken halt viel weiter als globale. Über einem einzelnen Kontinent kann ein Februar mehrere Grad über seinem langjährigen Mittel liegen, während die globale Reihe insgesamt mit gut zwei Grad Spanne auskommt.

Genau diese Spanne war am Ende der Grund, die Europa-Ansicht doch wieder herauszunehmen. Regionale Schwankungen neben globale zu stellen ist halt ein bisschen wie Äpfel mit Birnen: die Amplituden spielen in verschiedenen Ligen, und der Vergleich sagt mehr über die Skalenunterschiede als über das Klima. Für Europa hätte es ohnehin eine eigene Spirale gebraucht.

Live gegangen ist deshalb nur die globale Spirale.

Der solide Bestand

Im Postmortem ist der Abschnitt „Was solide ist“ sogar länger als die Mängelliste.

Die Datenarrays in den vier globalen Kompositionen und der interaktiven Fassung waren natürlich identisch mit der kanonischen Datei: 1757 Monatswerte, kein Drift. Das Determinismus-Audit fand null Treffer für Zufallszahlen, Systemuhr, Netzabrufe und Bildschirmtakt.

Jedes Bild folgt allein aus der Zeitposition, die der Renderer vorgibt. Damit löst sich die Determinismus-Zusage aus Teil 1 auch tatsächlich ein.

Beide Reihen waren rechnerisch auf ihre Basisperiode zentriert, und die Zeitmarken des Aufbaus stimmten in allen acht Kompositionen überein.

Für die Glaubwürdigkeit des Reviews zählt das eben genauso wie die Funde. Ein Prüfbericht, der nur Katastrophen meldet, hat vermutlich auch nur nach Katastrophen gesucht.

Die eigenen Fehler

Zwei Funde betrafen Texte, die Claude im Projekt geschrieben hatte.

Das README nannte die gestrichelten Skalenringe „(Paris-Marken)“. Genau das verbietet ja der eigene Veröffentlichungsplan: den 1,5-°C-Ring nie Paris-Ziel nennen, ohne auf die Basislinie hinzuweisen. Wie die beiden Skalen zusammenhängen, steht in Teil 2. Im README stand es falsch.

Der zweite Fund saß im Erklär-Overlay. Dort war der Versatz von +0,19 °C als „offizieller GISS-/IPCC-Wert“ beschrieben. Die Zahl stimmt, und sie ist bei GISS auch zitierbar.

Aber der IPCC publiziert gar keinen solchen Versatz für diese Reihe, er rechnet direkt gegen 1850 bis 1900. Aus einer Institution waren einfach zwei geworden. Im Text steht jetzt nur noch GISS, mit der FAQ als Quelle.

Die anderen Funde waren kleiner. Die Bibliotheken für Szene und Zeitsteuerung lagen bis dahin noch auf einem fremden Server. Die Versionen waren zwar festgeschrieben, also kein Determinismus-Problem, aber für die Reproduzierbarkeit sollten sie halt lokal liegen. Erledigt.

Dazu eine Sache, die der Review nur indirekt aufgedeckt hatte: die Regionaldaten existierten ausschließlich eingebettet in den HTML-Dateien. Genau so war ja auch die Europa-Lücke entstanden. Die Lösung war eine kanonische JSON-Quelle, aus der ein Skript die eingebetteten Kopien erzeugt und bei jeder Abweichung abbricht.

Der Geometrie-Einwand

Die Antwort auf die Frage nach dem übersehenen Einwand betraf die Darstellungsform selbst:

„Eine Polarspirale mit rho = Anomalie + 1,2 (a) staucht kalte Anomalien optisch ins Zentrum und gibt warmen Werten überproportional viel Linienlänge/‚Tinte’ (Umfang ∝ Radius), und (b) der 3D-Trichter verstärkt das noch: gleiche Δ°C sehen außen dramatischer aus als innen. Vorwurf: ‚Ihr habt eine Geometrie gewählt, die Erwärmung visuell übertreibt.’“

Der Kern steckt eigentlich in einer einzigen Zeile Code, die seit dem Bautag unverändert dasteht. Der Abstand eines Datenpunkts vom Zentrum ist seine Anomalie plus ein fester Versatz.

Ohne den Versatz hätten die kalten Jahre eben negative Radien und würden durch den Mittelpunkt hindurchklappen. Der Versatz ist also die Bedingung dafür, dass die erste Hälfte der Reihe überhaupt zeichenbar ist.

Er ist aber auch das, was die zweite Hälfte optisch begünstigt. Der Umfang eines Kreises wächst halt mit dem Radius.

Der Review hielt dazu ausdrücklich fest, dass hier kein Fehler vorliegt. Der Radius-Versatz ist kein Rechentrick, und die Geometrie ist auch keine Eigenerfindung: es ist die Form, die Ed Hawkins entworfen hat und die die NASA in ihrer eigenen Fassung verwendet.

Als Gegenargument nannte der Review, was im Bild sowieso schon steht: die Ringe tragen Zahlen, und jeder Monatswert wird beim Aufbau eingeblendet. Wer die Spirale liest, kann die Fläche gegen die Ziffer prüfen.

Einsortiert wurde der Fund als Kommunikationsproblem. Kein Bild musste deswegen neu gerendert werden, keine Zahl war zu korrigieren. Was fehlte, war nur die Antwort auf jemanden, der die Geometrie durchschaut und daraus einen Vorwurf baut.

Die Selbstkritik in der App

Die Empfehlung des Reviews war, den Einwand in der Videobeschreibung und im Blogeintrag vorwegzunehmen. Das erreicht aber nur Leute, die den Begleittext ohnehin lesen. Also habe ich die Kritik direkt in die App bestellt, dorthin, wo die Spirale selbst steht:

„Ich möchte, dass du die Hilfeseite mit weiteren und ehrlichen Informationen ergänzt, z. B. auch den Kritikpunkt, dass diese Darstellung die wärmeren Zeiten stärker betont …“

Daraus wurden zwei neue Abschnitte im Erklär-Overlay, zweisprachig wie der Rest.

Der eine erklärt die Radius-Codierung und ihre Nebenwirkung: Abstand gleich Abweichung plus Versatz, Umfang wächst mit dem Abstand, warme Jahre bekommen dadurch mehr Linie, der Trichter legt noch etwas darauf.

Dazu der Hinweis, dass dieselbe Geometrie bei Ed Hawkins und bei der NASA steckt.

Der andere Abschnitt sagt, dass die Rekorde 2023 und 2024 teilweise El-Niño-getrieben sind. Die Quellenzeile der App nennt seitdem neben der Datenquelle auch, von wem die Darstellungsform stammt.

Der Abschnitt zur Geometrie verweist auf drei Gegenmittel im Bedienpanel, und alle drei waren schon vorher da.

Die Draufsicht, in der der Trichter-Effekt wegfällt, hatte ich früher einbauen lassen, weil mich die Linien vor den Ringen gestört hatten. Der Höhe-Regler zieht den Trichter flach. Und jeder Ring trägt seine echte Gradzahl.

Der El-Niño-Marker

Der El-Niño-Punkt blieb eine Weile liegen. Irgendwann fiel mir dann ein, dass in einer früheren Sitzung schon davon die Rede war. Also habe ich das prüfen lassen:

„[…] welche El Niños stellen wir dar und ist das insgesamt konsistent? Sollten wir sie ‚Super El Niño’ nennen?“

Der Befund war unangenehm deutlich. Das Overlay kündigte den Schalter als Marker für 2023/24 an, aber im Datenarray standen nur 1973, 1983, 1998 und 2016.

Die sechs höchsten Anomalien der Reihe liegen in den Jahren 2023 bis 2025 und blieben komplett unmarkiert. Der Schalter hieß El Niño und zeigte alles außer den Ereignissen, um die es eigentlich geht.

Der Fix bestand aus einer Umbenennung und einem harten Kriterium. Aus „El Niño“ wurde „Super El Niño“, mit einer Schwelle im ONI-Index statt nach Gefühl.

Die Zeiträume der fünf Ereignisse hat Claude Code aus der offiziellen ONI-Datei der NOAA geparst. Der neue Marker sitzt auf Februar 2024. Der Rekordmonat September 2023 trägt schon einen eigenen Marker, seine Ursachen liegen nicht allein im Pazifik.

Weil ein El Niño über Monate läuft, bekamen die betroffenen Monate auch eine Hervorhebung an der Spirallinie selbst. Die erste Fassung war zu zart: „Ich sehe die Hervorhebung der El-Niño-Zeiträume nicht an der Linie.“ Nach zwei Runden Nachschärfen liegt die Leuchtspur bei dreifacher Linienbreite.

Damit steht die Kritik an der eigenen Darstellungsform in der App, im selben Erklärtext, der auch die Basislinie und die Paris-Schwellen auseinanderhält. Die Gegenmittel sind eingebaut, nicht nur behauptet.

Was dort nicht steht, ist der Einwand, der bei so einem Bild als erstes kommt: dass das alles natürliche Schwankung sei. Der richtet sich auf die Ursache, und die Spirale zeigt die Wirkung. In ihr stecken Temperaturen und sonst nichts.


Teil 3 von 4 der Klimaspirale Serie.

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Die Spirale aus dieser Serie gibt es als Projekt: Klimaspirale.

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