Klimaspirale Teil 4: CO₂, und was unter dem Post stand
Zwei Wochen lag das Projekt still. Als ich die Seite wieder aufmachte, fing ich mit etwas an, das in keinem Prüfbericht stand:
„Ich bin mit der Darstellung der Ereignisse und Super El Niño nicht zufrieden. Es wirkt (auch einzeln) wirr und überladen. Auch die Zeitachse mit den Jahren fühlt sich irgendwie noch nicht richtig an.“
Die Ereignis-Schilder hingen bis dahin einfach frei in der 3D-Szene und schoben sich bei manchen Kamerawinkeln übereinander.
Claude Code und ich haben sie in eine sortierte Spalte am Bildrand gelegt, jedes nur noch über eine Linie mit seinem Punkt in der Spirale verbunden. Die Kreuzungen sind damit nicht ganz weg, aber das Bild war schon deutlich aufgeräumter.
Drei Agenten kurz vor dem Start
Den letzten Schliff habe ich mir dann als Review bestellt:
„Du bist Architekt und Reviewer. Du nutzt Opus-Subagenten für die eigentlichen Aufgaben. Reviewe die Webseite […] Dieser Review soll den letzten Schliff vor der Veröffentlichung geben. Fällt dir noch etwas ein, was wir verbessern sollten?“
Drei Agenten liefen parallel: einer prüfte die Daten gegen die Quellen, einer las Code und Übersetzungen, einer bediente die Seite im Browser.
Zwei Funde waren direkt eindeutig. Bei 1280 Pixeln Breite malte das Bedienpanel über die ersten Buchstaben der deutschen Überschrift. Und im englischen Modus standen noch deutsche Tooltips, dazu ein Dezimalkomma im El-Niño-Hinweis. Der Reviewsatz trifft es ziemlich gut: „auf einem Produkt, dessen ganzer Verkaufspunkt DE/EN-Parität ist, ist das der sichtbarste Lokalisierungsleck“.
Der Datencheck lieferte dann den Fund, der etwas geändert hat. Der Juni 2026 war inzwischen verfügbar, und sieben frühere Monate hatten sich rückwirkend verschoben, um Hundertstel Grad. In der Spirale ändert das kein sichtbares Pixel. Aber die Behauptung „das sind die NASA-Daten“ ist ja ohne Zeitpunkt eigentlich nicht überprüfbar.
„Wegen der rückrevidierten Monate: Wir sollten also immer auch das Datum unseres Datenstands mit angeben (da, wo wir auch die Quellen benennen).“
Sichtbar ist er jetzt als „Datenstand“ mit Datum in der Quellenzeile.
Ein Skript verteilt ihn in alle Fassungen und prüft ihn an vierzehn Stellen, damit auch wirklich keine Fassung ein anderes Datum zeigt als die Zahlen, die in ihr stecken.
Dass die jüngsten Werte ohnehin nur vorläufig sind, sagt GISS selbst: fehlende Stationsmeldungen werden halt nachgereicht, und deshalb verschieben sich die letzten Monate einer Reihe auch ohne Methodenwechsel noch.
Nebenbei kamen noch einige Kleinigkeiten dazu, unter anderem der Aeterna-Labs-Schriftzug unter den Quellen und eine andere Logik für die Bedienleiste. Die blendete sich vorher nach ein paar Sekunden einfach von selbst aus.
Jetzt wartet sie, bis man sie einmal angefasst hat: „Denke gerade, neue Nutzer schauen erstmal auf die Spirale und bekommen nicht mit, dass da unten eine Playleiste war“.
Warum eine CO₂-Kurve dazukommt
Der Anlass kam von außen. Ich hatte ein Klima-Video gesehen und mit Claude Code besprochen, ob wir noch mehr Fakten und Daten in die Seite einbauen wollen.
Claude riet davon ab: die Spirale zeigt Daten und keine Botschaften, alles Erzählende gehört woandershin.
Worauf wir uns dann doch einigten, war CO₂. Nicht als „mehr Daten sind besser“, sondern aus einem konkreten Grund. Die Spirale zeigt die Wirkung. Der häufigste Einwand richtet sich aber auf die Ursache: dass das alles nur natürliche Schwankung sei.
Darauf hat eine Temperaturreihe eigentlich keine Antwort, egal wie sauber sie gerechnet ist. Also läuft der Antrieb jetzt einfach daneben mit, als Streifen auf derselben Zeitachse.
Eiskern bis 1958, Messstation danach
Damit stellte sich dasselbe Problem wie am ersten Tag, nur noch schwieriger. Es gibt keine einzelne Messreihe, die 146 Jahre CO₂ abdeckt. Die durchgehende Direktmessung beginnt erst 1958 auf Hawaii. Alles davor kommt aus Luft, die im Eis eingeschlossen ist.
Gemischt wird trotzdem nicht. Bis Februar 1958 zeichnet die Kurve die Eiskern-Reihe von Law Dome in der Antarktis, danach die Reihe der Messstation Mauna Loa vom Global Monitoring Laboratory der NOAA. Der Eiskern-Teil ist gestrichelt, die Messreihe durchgezogen.
An der Naht bleibt der Sprung stehen: der Februar 1958 endet bei 315,01 ppm, der März 1958 beginnt bei 314,44. Ein Abfall um 0,57 ppm, absichtlich sichtbar.
Die fertige Reihe hat 1758 Monate ohne Lücke. 1880 steht bei 289,71 ppm, der Juni 2026 bei 429,06 ppm im saisonbereinigten Verlauf. Von knapp 290 auf 429 ist fast die Hälfte mehr, über genau den Zeitraum, den die Ringe daneben auch abwickeln.
Der saisonbereinigte Verlauf geht dabei einfach Jahr für Jahr nach oben, ohne die Ausschläge der Temperatur.
Beide Fassungen der CO₂-Reihe, roh und bereinigt, kommen direkt so aus der NOAA-Datei. Lokal geglättet wurde nichts. Das klingt nach einem Detail, ist aber eigentlich ziemlich wichtig: eine selbst geglättete Kurve wäre eine eigene Rechnung über fremde Daten, und die müsste dann auch noch begründet und dokumentiert werden.
Wo sich zwei Quellen überlappen, kann man ja nachsehen, ob sie auch dasselbe sagen. Im Fenster von 1958 bis 2004 liegt Mauna Loa fast durchgehend etwas höher als der Eiskern-Verlauf, im Mittel um 2,29 ppm.
Die Erklärung ist der Gradient zwischen den Halbkugeln. Mauna Loa liegt auf 19 Grad Nord, nah an den Regionen, in denen der Großteil des CO₂ ausgestoßen wird. Law Dome liegt weit im Süden.
Die Durchmischung braucht halt Zeit, deshalb liest der Norden höher. Und weil der Ausstoß über die Jahrzehnte gestiegen ist, wächst auch der Abstand.
Das ist kein Fehler an der Naht. Es ist einfach der Grund, bei 1958 umzuschalten: ein Mittelwert aus Nord und Süd wäre eine Größe, die so an keinem der beiden Orte gemessen wurde.
Ein früher Entwurf des Erklärtexts behauptete das Gegenteil: dass die beiden Reihen im Überlappungsfenster nicht auseinanderlaufen. Das war schlicht falsch, die Messung hat es widerlegt.
Die Seitenansicht
Der CO₂-Streifen stand, und dann fiel mir daran etwas auf:
„Durch das Kippen der Spirale wird die CO₂-Kurve perspektivisch verzerrt, und man könnte vorwerfen, dass der CO₂-Anstieg übertrieben wird … CO₂ feststehend machen?“
Derselbe Einwand wie in Teil 3, nur an einem neuen Objekt. Dort hatte ich nach dem stärksten Gegenargument gefragt und es vom Review bekommen. Hier kam er einfach von selbst.
Gebaut wurde eine Seitenansicht: die Kamera auf Augenhöhe mit der Mitte des Streifens, sodass oben und unten gleich weit entfernt sind. Die Verzerrung geht damit von rund 1,25 auf genau 1.
Was unter dem Post stand
Für diesen Text bin ich noch mal zu dem Reddit-Post zurückgegangen, mit dem alles angefangen hat: die alte Klimaspirale, ohne Quellenangabe, ohne Basiszeitraum.
Zwei Dinge standen dort, die beim Bauen noch niemand kannte.
Das erste ist das Startbild. Der Clip zeigt einen schwarzen Grund, die Monatskürzel im Kreis, die Jahreszahl 1880 in der Mitte und drei Referenzkreise bei minus 1, 0 und plus 1 Grad. Keine Quellenangabe, kein Basiszeitraum, keine Linie bei 1,5 Grad.
Das Video, das die Idee ausgelöst hat, hatte damit genau das Problem nicht, das später die meiste Ehrlichkeitsarbeit gekostet hat.
Der 1,5-Grad-Zylinder, die Paris-Ringe, der Versatz zwischen den Basiszeiträumen, das Erklär-Overlay: das hängt alles an einem Bezug, den dieser Clip nie hergestellt hat.
Was in Teil 2 an Sorgfalt draufging, gilt einer Frage, die erst meine eigene Fassung aufgeworfen hat.
Das zweite sind die Kommentare unter dem Post. Sie lesen sich quasi wie der Review, den Claude Wochen später für uns erstellt hat.
Ein Kommentar verwies auf die römische und die mittelalterliche Warmzeit und darauf, dass 150 Jahre doch nur eine winzige Stichprobe seien. Genau mit dieser Begründung steht heute die CO₂-Kurve neben der Spirale.
Ein anderer fragte, was 2016 eigentlich passiert sei; die Antwort im Thread nannte El Niño. Dagegen stehen heute die Super-El-Niño-Marker.
Dann dieser:
„Scientists determine the global temperature by combining air temperature measurements […] then calculating how each reading differs from a 1951–1980 baseline to produce temperature anomalies. This video is a lie.“
„Wissenschaftler bestimmen die globale Temperatur, indem sie Lufttemperatur-Messungen kombinieren […] und dann berechnen, wie weit jeder Wert von einer Basislinie 1951 bis 1980 abweicht, um daraus Temperatur-Anomalien zu erhalten. Dieses Video ist eine Lüge.“
Die Methode ist darin korrekt beschrieben. Der Schluss ist das Gegenteil dessen, was daraus folgt. Und im Bild stand ja kein Basiszeitraum, an dem sich der Verdacht hätte prüfen lassen. Das ⓘ-Overlay ist die Antwort auf genau diese Lücke, entstanden ohne Kenntnis dieses Kommentars.
Und einer, der den stärksten Fund des Reviews schon Wochen vorher vorwegnahm:
„I’ve noticed you’ve used distance from center and color to both mean temperature. If you opted to instead use one of these as a display for the year you could probably display the over year trend without needing to do the third dimension“
„Mir ist aufgefallen, dass bei dir sowohl der Abstand vom Zentrum als auch die Farbe die Temperatur bedeuten. Wenn du eines von beiden stattdessen für das Jahr verwenden würdest, könntest du den Verlauf über die Jahre wahrscheinlich zeigen, ohne die dritte Dimension zu brauchen.“
Auch die Frage nach dem Startjahr stand da, warum eigentlich 1880, beantwortet mit der Verlässlichkeit der Messungen und dem Hinweis auf indirekte Belege wie Eisbohrkerne. Das ist der Übergang, den die Naht der CO₂-Kurve jetzt auch abbildet.
Vier Wochen Arbeit an Basislinien, Markern, Erklärtexten und einer CO₂-Kurve. Die Liste dazu stand von Anfang an unter dem Video, das die Idee lieferte. Gelesen habe ich sie halt erst, als ich diesen Text schrieb.
Der Post selbst ist inzwischen vom Moderator entfernt, der Titel durch einen Platzhalter ersetzt, das Video nicht mehr zuverlässig abrufbar. Das Ding, das das Projekt ausgelöst hat, existiert nicht mehr an seiner Adresse, während das, was daraus wurde, gerade online geht.
Was jetzt online ist
Auf climate.aeternalabs.io läuft jetzt die interaktive Spirale: zweisprachig, mit Paris-Schalter, Draufsicht, Seitenansicht, Höheregler, dem CO₂-Streifen, dem Erklär-Overlay und dem Snapshot-Export. Dazu acht Videofassungen in 4K, die inzwischen in der Videogalerie liegen.
Unter allem steht der Datenstand neben den Quellen; der letzte Monat der Reihe ist der Juli 2026, global +1,23 °C. Die Europa-Ansicht ist vor dem Start wieder herausgeflogen, aus dem Grund, der in Teil 3 steht.
Zwei Dinge sind angedacht, aber noch nicht gebaut. Der Fakten-Zeitstrahl liegt als Idee für eine eigene Unterseite. Und das Nachziehen der Daten kommt bewusst erst nach dem Start. Der Satz, mit dem das Projekt anfing, war ja „ist doch automatisierbar“. Ihn erst nach dem Start einzulösen macht daraus einen gebauten Beweis statt nur einer Ankündigung.
Teil 4 von 4 der Klimaspirale Serie.
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Die Spirale aus dieser Serie gibt es als Projekt: Klimaspirale.