← Zurück zum Blog
klimaspiraleklimadatendatenvisualisierungthreejsclaude-code26. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit

Klimaspirale Teil 4: CO₂, und was unter dem Post stand – Einfach erklärt

EFFECT · DRIVER · Klebestelle 1958KI-generiertes Bild
Editorial-Illustration: zwei alte Registriergeräte auf einem dunklen Holztisch — links ein Trommel-Thermograph mit Messingschild 'EFFECT', rechts ein Gasschreiber mit offenem Uhrwerk und Schild 'DRIVER'. Beide Schreibfedern zeichnen auf denselben laufenden Papierstreifen: die rote Temperaturspur endet an der Feder des Thermographen, die blaue CO₂-Spur an der Feder des Gasschreibers, rechts davon ist das Papier noch leer. Vor der Klebestelle mit der Jahresmarke '1958' ist die blaue Spur gestrichelt, danach kräftig durchgezogen.Editorial-Illustration: zwei alte Registriergeräte auf einem dunklen Holztisch — links ein Trommel-Thermograph mit Messingschild 'EFFECT', rechts ein Gasschreiber mit offenem Uhrwerk und Schild 'DRIVER'. Beide Schreibfedern zeichnen auf denselben laufenden Papierstreifen: die rote Temperaturspur endet an der Feder des Thermographen, die blaue CO₂-Spur an der Feder des Gasschreibers, rechts davon ist das Papier noch leer. Vor der Klebestelle mit der Jahresmarke '1958' ist die blaue Spur gestrichelt, danach kräftig durchgezogen.

Zwei Wochen lag das Projekt still. Als ich die Seite wieder aufmachte, fing ich aber nicht mit einer neuen Funktion an, sondern mit dem, was mich eigentlich störte:

„Ich bin mit der Darstellung der Ereignisse und Super El Niño nicht zufrieden. Es wirkt (auch einzeln) wirr und überladen. Auch die Zeitachse mit den Jahren fühlt sich irgendwie noch nicht richtig an.“

Die Beschriftungen der besonderen Ereignisse hingen halt frei im Bild und schoben sich bei manchen Blickwinkeln übereinander.

Claude Code und ich haben sie in eine sortierte Spalte am Rand gelegt, jedes über eine Linie mit seinem Punkt in der Spirale verbunden. Nicht perfekt, aber schon deutlich aufgeräumter.

Drei Helfer prüfen vor dem Start

Den letzten Schliff habe ich dann als Review bestellt. Claude Code schickte drei Prüfer gleichzeitig los: einer verglich die Daten mit den Quellen, einer las Code und Übersetzungen, einer bediente die Seite im Browser.

Zwei Funde waren sofort klar. Bei einer bestimmten Bildschirmbreite malte ein Bedienelement über die deutsche Überschrift. Und im englischen Modus standen noch deutsche Hinweistexte, dazu ein deutsches Komma, wo eigentlich ein Punkt hingehört.

Der dritte Fund änderte dann doch mehr. Der Juni 2026 war inzwischen verfügbar, und sieben ältere Monate hatten sich rückwirkend leicht verschoben, um Hundertstel Grad.

In der Spirale ändert das kein sichtbares Pixel. Aber der Satz „das sind die NASA-Daten“ ist ja ohne Zeitpunkt nicht überprüfbar.

„Wegen der rückrevidierten Monate: Wir sollten also immer auch das Datum unseres Datenstands mit angeben (da, wo wir auch die Quellen benennen).“

Seitdem steht neben den Quellen auch ein Datum: der Datenstand. Ein kleines Skript verteilt ihn in alle Fassungen und prüft, dass nirgendwo ein anderes Datum steht als die Zahlen, die drin stecken.

Die Verschiebung hat einen harmlosen Grund. Messstationen melden ihre Werte halt einfach nach, und die jüngsten Monate werden noch nachgeschärft. Das sagt die NASA auch selbst.

Warum eine CO₂-Kurve dazukommt

Die Spirale zeigt, was passiert ist: es wird wärmer. Der häufigste Einwand fragt aber nach dem Warum. Ist das nicht einfach natürliche Schwankung?

Darauf hat eine Temperaturkurve eigentlich keine Antwort. Sie zeigt die Wirkung, über die Ursache sagt sie nichts.

Claude riet trotzdem davon ab, einfach noch mehr Daten in die Seite zu packen: die Spirale zeigt Daten und keine Botschaften, alles Erzählende gehört woandershin.

Worauf wir uns dann doch einigten, war CO₂, aus einem konkreten Grund. Die Temperatur ist die Wirkung. Das CO₂ ist der Antrieb. Beides läuft jetzt auf derselben Zeitachse.

CO₂ wird in ppm gemessen, Teile pro Million. 429 ppm heißt: auf eine Million Teilchen Luft kommen 429 Teilchen CO₂. Das klingt nach fast nichts, und die Zahl allein ist auch nicht der Punkt.

Der Punkt ist die Bewegung: von knapp 290 auf 429, über genau den Zeitraum, den die Spirale zeigt. Knapp die Hälfte mehr.

Der saisonbereinigte Verlauf, also die Kurve, aus der der Jahresrhythmus der Pflanzen herausgerechnet ist, geht dabei einfach Jahr für Jahr nach oben, ohne die Ausschläge der Temperatur.

Luft aus dem Eis

Nur gibt es halt keine einzelne Messreihe, die 146 Jahre CO₂ abdeckt. Die durchgehende Messung beginnt erst 1958, auf einem Berg auf Hawaii.

Für die Zeit davor gibt es Luft aus der Vergangenheit. Wenn Schnee unter dem Druck neuer Schichten zu Eis wird, bleiben winzige Luftbläschen darin eingeschlossen. Bohrt man in der Antarktis einen Eiskern heraus, hat man quasi Luftproben mit Datum.

Ein Eiskern ist so etwas wie ein Regal voller Einweckgläser. Unten die älteste Luft, oben die jüngste, jedes Glas verschlossen in dem Jahr, in dem der Schnee darüber zuging.

Weil sich die Bläschen erst über Jahre abdichten, hat diese Luft auch keine Monatsauflösung. Der Verlauf vor 1958 ist deshalb eine geglättete Kurve durch datierte Proben.

Die sichtbare Naht

Zwei Quellen in einer Kurve. Der Eiskern-Teil ist gestrichelt, die Messreihe durchgezogen. An der Umschaltstelle bleibt ein kleiner Sprung stehen, absichtlich sichtbar, damit man erkennt, wo die eine Quelle endet und die andere anfängt.

Beide Quellen überlappen sich einige Jahrzehnte lang. In dieser Zeit kann man ja nachsehen, ob sie dasselbe sagen. Sie sagen nicht ganz dasselbe. Die Messstation liest fast immer etwas höher als der Eiskern.

Das ist kein Fehler. Die Station liegt im Norden, nah an den Gegenden, in denen das meiste CO₂ ausgestoßen wird. Der Eiskern liegt tief im Süden. Die Luft braucht halt einfach Zeit, bis sie sich rund um den Globus durchmischt hat.

Deshalb schaltet die Kurve an der Naht auch um, statt zu mischen. Ein Mittelwert aus Nord und Süd wäre eine Zahl, die an keinem der beiden Orte jemand so gemessen hat.

Ein früher Entwurf des Erklärtexts behauptete, die beiden Reihen liefen im Überlappungsfenster gleich. Das war schlicht falsch. Die Messung hat es widerlegt.

Beide Fassungen der CO₂-Reihe kommen direkt so aus der Quelldatei. Lokal geglättet wurde nichts. Das klingt nach einem Detail, ist aber eigentlich ziemlich wichtig: eine selbst geglättete Kurve wäre eine eigene Rechnung über fremde Daten.

Die Seitenansicht

Dann fiel mir an dem neuen Streifen etwas auf:

„Durch das Kippen der Spirale wird die CO₂-Kurve perspektivisch verzerrt, und man könnte vorwerfen, dass der CO₂-Anstieg übertrieben wird … CO₂ feststehend machen?“

Derselbe Einwand wie in Teil 3, nur an einem neuen Objekt. Dort hatte ich danach gefragt und ihn vom Review bekommen. Hier kam er einfach von selbst.

Dagegen gibt es jetzt eine Seitenansicht: die Kamera auf Augenhöhe mit der Mitte des Streifens, sodass die Verzerrung verschwindet.

Was unter dem Post stand

Für diesen Text bin ich noch mal zum Anfang zurückgegangen: zu dem Reddit-Post, mit dem alles angefangen hat. Zwei Dinge standen dort, die beim Bauen noch niemand kannte.

Das erste ist das Startbild des Videos. Es zeigt drei Referenzkreise bei minus 1, 0 und plus 1 Grad. Keine Quellenangabe, kein Vergleichszeitraum, keine Linie bei 1,5 Grad.

Das Video, das die Idee ausgelöst hat, hatte damit genau das Problem nicht, das später die meiste Ehrlichkeitsarbeit gekostet hat.

Den 1,5-Grad-Bezug, die Frage nach dem richtigen Nullpunkt, das Erklär-Overlay: das hängt alles an einer Behauptung, die dieser Clip ja nie aufgestellt hat. Was in Teil 2 an Sorgfalt draufging, gilt einer Frage, die erst meine eigene Fassung aufgeworfen hat.

Das zweite sind die Kommentare unter dem Post. Sie lesen sich quasi wie die Prüfliste, die Claude Wochen später für uns erstellt hat.

Ein Kommentar verwies auf die römische und die mittelalterliche Warmzeit: 150 Jahre seien doch nur eine winzige Stichprobe. Genau mit dieser Begründung steht heute die CO₂-Kurve neben der Spirale.

Ein anderer fragte, was 2016 passiert sei; die Antwort im Thread nannte El Niño. Dagegen stehen heute die Marker.

Dann dieser:

„Scientists determine the global temperature by combining air temperature measurements […] then calculating how each reading differs from a 1951–1980 baseline to produce temperature anomalies. This video is a lie.“

„Wissenschaftler bestimmen die globale Temperatur, indem sie Lufttemperatur-Messungen kombinieren […] und dann berechnen, wie weit jeder Wert von einer Basislinie 1951 bis 1980 abweicht, um daraus Temperatur-Anomalien zu erhalten. Dieses Video ist eine Lüge.“

Die Methode darin ist korrekt beschrieben. Der Schluss ist das Gegenteil dessen, was daraus folgt. Und im Bild stand ja kein Vergleichszeitraum, an dem sich der Verdacht hätte prüfen lassen.

Das Erklär-Overlay ist die Antwort auf genau diese Lücke, entstanden ohne Kenntnis dieses Kommentars.

Und einer, der den stärksten Fund des Reviews aus Teil 3 schon Wochen vorher vorwegnahm:

„I’ve noticed you’ve used distance from center and color to both mean temperature. If you opted to instead use one of these as a display for the year you could probably display the over year trend without needing to do the third dimension“

„Mir ist aufgefallen, dass bei dir sowohl der Abstand vom Zentrum als auch die Farbe die Temperatur bedeuten. Wenn du eines von beiden stattdessen für das Jahr verwenden würdest, könntest du den Verlauf über die Jahre wahrscheinlich zeigen, ohne die dritte Dimension zu brauchen.“

Auch die Frage nach dem Startjahr stand da, warum eigentlich 1880, beantwortet mit der Verlässlichkeit der Messungen und dem Hinweis auf Eisbohrkerne. Das ist der Übergang, den die Naht der CO₂-Kurve jetzt auch abbildet.

Vier Wochen Arbeit an Vergleichszeiträumen, Markern, Erklärtexten und einer CO₂-Kurve. Die Liste dazu stand von Anfang an unter dem Video, das die Idee lieferte. Gelesen habe ich sie halt erst, als ich diesen Text schrieb.

Der Post selbst ist inzwischen vom Moderator entfernt. Das Ding, das das Projekt ausgelöst hat, existiert nicht mehr an seiner Adresse, während das, was daraus wurde, gerade online geht.

Was jetzt online ist

Auf climate.aeternalabs.io läuft die interaktive Spirale: zweisprachig, mit dem Paris-Schalter, Draufsicht, Seitenansicht, Höheregler, dem CO₂-Streifen, dem Erklär-Overlay und einem Export fürs Handy. Dazu Videofassungen in hoher Auflösung.

Unter allem stehen die Quellen und der Datenstand. Die Europa-Ansicht, die in Teil 3 am Maßstab-Problem scheiterte, ist vor dem Start auch herausgeflogen.

Eines fehlt bewusst. Der Satz, mit dem das Projekt anfing, war ja „ist doch automatisierbar“. Das jährliche Nachziehen der Daten kommt erst nach dem Start. Dann ist es ein gebauter Beweis, nicht nur eine Ankündigung.


Teil 4 von 4 der Klimaspirale Serie.

← Klimaspirale Teil 3: Der Einwand, den ich übersehen habe

Kommentare

Zum Kommentieren genügt eine E-Mail-Bestätigung oder ein GitHub-Login. Die Kommentare laufen auf einem eigenen Server, nicht bei einem Werbeanbieter — Details in der Datenschutzerklärung.