Klimaspirale Teil 2: Die Baseline-Falle – Einfach erklärt
Teil 1 hatte die Prüfung erledigt: es gibt die Klimaspirale schon bei der NASA, aktuell und gepflegt. Die Zahlen stimmten auch. Was nicht stimmte, steckte in der Skala.
Am Bautag hatte ich einen durchscheinenden Zylinder bei 1,5 Grad setzen lassen, weil das mal das Klimaziel war. Der Ring stand nicht da, wo das Klimaziel eigentlich liegt.
Zwei Höhen für denselben Berg
Frag zwei Leute, wie hoch der Berg vor ihnen ist. Der eine zählt vom Meer aus, der andere vom Tal, in dem er steht. Selber Berg, beide rechnen richtig, beide nennen eine andere Zahl. Der Unterschied ist genau die Höhe des Tals.
Bei der Erderwärmung ist es genauso. Auf unserer Skala steht keine Temperatur, sondern eine Abweichung: wie viel wärmer oder kälter als üblich. Und „üblich“ braucht einen Bezugspunkt, einen Nullpunkt. Das ist der sogenannte Basiszeitraum, die Spanne von Jahren, deren Durchschnitt als Null gilt.
Unsere Messreihe (GISTEMP, die Temperaturdaten der NASA) nimmt dafür 1951 bis 1980. Das Pariser Klimaabkommen rechnet von woanders: von der Zeit vor der Industrialisierung, also ungefähr 1850 bis 1900.
Zwischen diesen beiden Nullpunkten liegen 0,19 Grad. Die Zahl nennt die NASA selbst, und Claude Code hat sie an unseren Daten nachgerechnet.
An den Messwerten ändert der Nullpunkt gar nichts. Die Kurve behält ihre Form, es wandert nur die Beschriftung. Wie bei einer Waage, die man vor dem Wiegen auf Null stellt: ob man sie leer oder mit dem Teller drauf nullt, das Gewicht dessen, was man drauflegt, bleibt dasselbe. Nur die Zahl auf der Anzeige verschiebt sich.
Klingt nach Kleinkram. 0,19 Grad. Wurde es nicht.
Warum der Ring falsch stand
Der Ring in meiner Grafik stand bei 1,5 Grad auf unserer Skala. Auf der Pariser Skala wären das aber schon rund 1,69 Grad, also jenseits des Klimaziels. Die Pariser 1,5-Grad-Marke sitzt auf unserer Skala bei 1,31 Grad, also deutlich weiter innen.
Ein Zuschauer sieht die jüngsten Schleifen gegen den Ring bei 1,5 drücken, erinnert sich an das Abkommen und zieht den naheliegenden Schluss. Auf dieser Skala ist der Schluss falsch. Die Pariser Marke liegt weiter innen.
Der Witz an diesen verschiedenen Nullpunkten: in der Klimaforschung braucht man die Umrechnung eigentlich ständig. Praktisch jede Messreihe bringt ihren eigenen Nullpunkt mit. Die NASA rechnet gegen 1951 bis 1980, andere Reihen gegen andere Zeiträume, Copernicus (die europäische Klimabehörde) gegen 1850 bis 1900. Vier Bezugspunkte für dieselbe Atmosphäre, und wer Zahlen daraus einfach nebeneinanderlegt, produziert Widersprüche, die keine sind.
Der Paris-Schalter
Der Vorschlag kam von Claude Code. Die vorhandenen Ringe bleiben, wo sie sind. Dazu kommt ein zweites Paar, gestrichelt, dort, wo die Pariser Marken auf unserer Skala tatsächlich sitzen. Beschriftet ist dieses Paar mit den Pariser Zahlen. Der Abstand zum gleich benannten durchgezogenen Ring ist der Versatz selbst, sichtbar als Lücke statt als Fußnote.
„Ja, das wäre eine gute Option unserer interaktiven Seite, so ein Paris-Schalter, der sichtbar die Verschiebung darstellt.“
Es bleibt eine einzige Skala mit einer einzigen Messreihe. Keine zweite Datenquelle. Aber 0,19 Grad sind in der Grafik ein schmales Band. Man hält den Abstand leicht für Strichbreite, also reicht es nicht, ihn nur zu zeichnen. Er muss auch beschriftet werden.
Ziel und Obergrenze
Zur Beschriftung hatte ich dann einen Einwand:
„Sollten wir überhaupt Paris 2,0 Grad anzeigen? Das impliziert ja, als hätte es eine 2-Grad-Vereinbarung gegeben.“
Im Pariser Abkommen steht keine Zwei-Grad-Vereinbarung. Der Text verpflichtet darauf, die Erwärmung deutlich unter 2 Grad zu halten, und die 1,5 sind das eigentliche Ziel. Die 2 ist die Obergrenze, die 1,5 das Ziel. Zwei gleich aussehende Ringe hätten aus der Obergrenze ein zweites Ziel gemacht, das so niemand vereinbart hat.
Also heißt einer jetzt „Paris-Ziel“ und ist gelb, der andere „Paris-Limit“ und rot. Ein Wort und eine Farbe Unterschied, und er entscheidet, was jemand aus einem Screenshot mitnimmt.
Der Blick von oben
Die naheliegendste Bewegung bei einer Spirale: senkrecht von oben draufschauen. Und genau dabei war das Bild unbrauchbar. Die Jahresschleifen liegen übereinander und verdecken die Skalenringe. Die obersten wirken größer, weil sie der Kamera näher sind.
Claude Code baute daraus einen Schalter, der die Perspektive herausnimmt. Danach liegt von oben ein flaches Diagramm da, in dem kein Ring dem Betrachter näher ist als ein anderer.
Ein geratenes Jahr
Dann kam die Idee, besondere Ereignisse als schwebende Schilder einzubauen:
„Wie wäre es, wenn wir besondere Ereignisse mit schwebenden Labeln mit anbauen, wie z. B. den Pariser Beschluss, 1990 glaube war das?“
Die Jahreszahl ist geraten, und sie ist falsch. Verabschiedet wurde das Abkommen 2015, in Kraft trat es 2016. Ich lag um ein Vierteljahrhundert daneben. Die Prüfung, die Claude Code für die Schilder anwarf, hat es kommentarlos richtiggestellt.
In diesem Projekt hat die Belegkette mein Gedächtnis häufiger korrigiert als umgekehrt.
Bei politischen Ereignissen kam ein Problem heraus, das ein Schild eigentlich gar nicht lösen kann: sie haben zwei Zeitpunkte. Das Pariser Abkommen wurde 2015 verabschiedet und trat 2016 in Kraft. Ein schwebendes Schild hängt an einem einzigen Jahr. Welchen Zeitpunkt man nimmt, ist eine Entscheidung, keine Tatsache.
Die Falle in der eigenen Anwendung
Zwei Tage später stand ich vor der laufenden Anwendung und hielt eines dieser Schilder für einen Fehler.
„Ich denke, da gibt es einen Fehler: Beim Event ‚2024 - erstes Jahr über 1,5 °C (vorind.)’ ist die Kurve ganz deutlich unterhalb von 1,5 Grad zu sehen. Ist das ein anderer Bezugsraum oder passt es von der Darstellung nicht?“
Die Antwort auf die Frage im letzten Halbsatz ist ja. Das Schild redet über vorindustrielle Erwärmung, die Skala darunter zählt ab 1951 bis 1980. Deshalb sitzt ein Ereignis „über 1,5 Grad“ sichtbar unterhalb der 1,5-Linie im Bild.
Beide Angaben sind korrekt, und zusammen sehen sie aus wie ein Rechenfehler. Das ist genau die Falle, wegen der der Paris-Schalter existiert. Sie hat mich in meiner eigenen Anwendung erwischt, mit der Umrechnung noch im Kopf.
Das Peinliche steht im Zitat selbst. Auf dem Schild stand „(vorind.)“, die Abkürzung für vorindustriell. Die Auflösung war also im Bild, und ich habe sie überlesen. Eine Abkürzung in Klammern erklärt offenbar nichts. Man liest sie erst, wenn man ohnehin weiß, worauf sie hinweist.
Streichen wollte ich das Schild nicht. Es bleibt stehen, und der Wert auf der eigenen Skala kommt dahinter. Damit stehen beide Bezüge direkt nebeneinander.
Der erste Zuschauer, der über dieses Schild gestolpert ist, war ich.
Eine Erklärseite in der Anwendung
Aus der ganzen Sache wurde eine eigene Seite in der Anwendung, einen Klick von der Spirale entfernt. Sie erklärt, was eine Abweichung ist, was ein Nullpunkt, und warum Messreihe und Abkommen verschiedene nehmen.
Der Abschnitt, den ich für den wichtigsten halte, sagt: ein Rekordmonat auf dieser Skala bedeutet nicht, dass ein Klimaziel gerissen ist. Der Versatz ist nur der erste Grund. Der zweite: das Abkommen redet von langfristiger Erwärmung, nicht von einem einzelnen Monat. Die Überschreitung war ein Ereignis, noch kein Zustand.
In den Videos ist diese Seite nicht drin. Wer die Spirale als Animation sieht, sieht den Zylinder bei 1,5 Grad und hat keine Stelle, an der das mit dem Nullpunkt steht.
Teil 2 von 4 der Klimaspirale Serie.
← Klimaspirale Teil 1: Von einem Video zu eigenen Daten | Klimaspirale Teil 3: Der Einwand, den ich übersehen habe →