Vom Artikel zum eigenen Index
Am 20. August veröffentlichte CORRECTIV den Fluss-Atlas, eine Auswertung der Niedrigwasserlage an 356 deutschen Pegeln. An 214 davon ist der jährliche Niedrigwasserabfluss zwischen 1992 und 2025 statistisch signifikant gefallen, an 240 liegt der niedrigste Wert der gesamten Reihe im Fenster 2018 bis 2025. Ich las den Artikel an dem Morgen und fand ihn gut.
Wie gut die Statistik dahinter ist, konnte ich selbst nicht beurteilen. Ich legte Claude den Artikel vor. Die Redaktion habe für den Trendtest ein Verfahren gewählt, das berücksichtigt, dass in solchen Messreihen jedes Jahr am vorigen hängt, und das sei deutlich mehr Aufwand als die naheliegende Gerade durch die Punktwolke. Auch der Text beantwortet die Frage, warum das jemanden angeht: Trinkwasser, Schifffahrt, ein Rheinpegel bei Kaub mit sechs Zentimetern.
Was mich an der Karte störte
Zu dem Artikel gehört eine interaktive Deutschlandkarte mit 356 Punkten. Ich habe sie eine Weile angesehen und konnte sie nicht lesen.
Die Farblegende ist mit „−3 %“, „0 %” und „3 %“ beschriftet, beim Zeigen auf einen Punkt erscheint ein Wert wie „−1,2 %“. Dahinter steckt die jährliche Steigung eines auf 0 bis 100 normierten Index. Das ist kein Prozentwert, und die Angabe „pro Jahr” fehlt. Wer die Karte ohne Vorwissen ansieht, erfährt nicht, worauf sich die Zahl bezieht.
Die Punktgröße wächst sichtbar mit der Größe des Einzugsgebiets, eine Größenlegende gibt es nicht. Für das Auge heißt großer roter Kreis erst einmal stark betroffen, obwohl die Größe nur sagt, wie viel Fläche der Pegel entwässert.
Am meisten störte mich die Rheinkette. Maxau, Worms, Kaub, Andernach, Köln, Duisburg, Rees liegen alle am selben Fluss und messen weitgehend dasselbe Wasser, jeder Pegel weiter unten nimmt den oberen mit. Auf der Karte wird daraus ein halbes Dutzend großer, überlappender, rot eingefärbter Kreise. Der Westen sieht dadurch flächiger betroffen aus, als es eine unabhängige Stichprobe zeigen würde. Dabei hätte es die Alarmoptik gar nicht gebraucht: Der Befund hält der Nachrechnung stand.
Was wir daraus gebaut haben
Ich fragte Claude, was wir mit denselben Daten selbst anfangen können. Die Grundlage liegt offen. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde gibt die Abfluss-Tageswerte über eine öffentliche Schnittstelle heraus, die Lizenz hängt am jeweiligen Betreiber der Messstelle.
In den folgenden Arbeitstagen entstand eine eigene Auswertung: 361 Messstellen, rund 4,7 Millionen Tageswerte, Wasserjahre 1992 bis 2025. Zwei Entscheidungen unterscheiden sie vom Fluss-Atlas.
Die erste betrifft die Rheinkette. Wir haben die Pegel entlang der Fließrichtung verkettet und jedem nur die Fläche zugerechnet, die er zusätzlich zu den Pegeln über ihm entwässert. Der nationale Index gewichtet danach. Ein Pegel mit 3 Quadratkilometern Einzugsgebiet zählt deshalb weniger als einer mit 159.000, und dasselbe Wasser zählt nur einmal.
Die zweite betrifft die Kennzahl. Der niedrigste Sieben-Tage-Abfluss eines Jahres misst nur die Tiefe des Tiefpunkts und hängt an einzelnen Regenereignissen. Wir zählen zusätzlich, an wie vielen Tagen ein Pegel unter seinem eigenen langjährigen Niedrigwasser-Schwellenwert liegt, wie lang die längste zusammenhängende Phase war und wie viel Wasser über das Jahr fehlt. Der Unterschied ist erheblich: Der Median der Niedrigwassertage je Pegel und Jahr steigt von fünf bis sechs Tagen im Zeitraum 1992 bis 2013 auf 45 Tage im Zeitraum 2014 bis 2025.
Beim Rest sind wir CORRECTIV bewusst gefolgt, um vergleichbar zu bleiben, und haben denselben Test gerechnet. 224 von 359 Pegeln zeigen einen signifikanten Anstieg der Niedrigwassertage. Weil 359 parallele Tests auch zufällige Treffer produzieren, haben wir zusätzlich für multiples Testen korrigiert. Danach bleiben 211. Die Anteile landen nah an denen des Fluss-Atlas, an einer Stelle fast auf dem Punkt: Bei uns liegt der niedrigste Wert der Reihe an 69,6 Prozent der Pegel im Fenster 2018 bis 2025. CORRECTIV nennt rund 68 Prozent.
Was die Seite zeigt
Die Analyse steht jetzt im Menü dieser Seite, auf Deutsch und Englisch.
Das Bild oben in diesem Beitrag ist ihr Kernstück, nur größer gezeichnet. Jede Zeile ist ein Wasserjahr, jede Spalte ein Tag, die Helligkeit steht für den Anteil der Pegel, die an diesem Tag unter ihrem Schwellenwert lagen. Man muss keine Statistik können, um zu sehen, dass die hellen Bänder nach unten hin früher im Jahr beginnen, länger dauern und breiter werden.
Darunter liegen die nationale Zeitreihe mit Umschaltern für Kennzahl und Messnetzvariante, die Verteilungen der drei Dekaden, eine Stationskarte und ein Methodikteil, der jede Zahl zum Nachrechnen offenlegt. 2018 ist das trockenste Jahr der Reihe, danach folgen 2019 und 2022. Sieben der zehn trockensten Jahre liegen im Zeitraum 2015 bis 2025.
Der Code dazu liegt offen: AeternaLabsHQ/niedrigwasser-trendindex. Dort stehen die komplette Pipeline von den Rohdaten bis zu den Grafiken, die Methodik-Dokumentation und die Ergebnisdateien. Die Rohdaten selbst liegen nicht dabei, die holt der erste Lauf von der Schnittstelle.
Was die Auswertung nicht leistet, steht auf derselben Seite. Sie schreibt den Trend keiner Ursache zu, weder dem Klimawandel noch der Landnutzung. Über die Zukunft sagt sie nichts. Das Messnetz ist außerdem nicht die Landkarte: Aus den Landesmessnetzen von Niedersachsen, Bremen und Hamburg ist keine Station dabei. Rund 45 Prozent der gewichteten Fläche liegen außerhalb Deutschlands, am Alpenrhein, an der Mosel, an der Moldau, an der oberen Oder.
Und einen Punkt, an dem CORRECTIV klar vorn liegt, will ich nicht verschweigen. Der Artikel erzählt, was der Befund für Trinkwasser, Schifffahrt und Fische bedeutet. Unsere Seite erklärt sorgfältig, was gemessen wurde, und beantwortet nirgends, warum es zählt.
Beim Gegenlesen der fertigen Seite fiel mir eine Formulierung auf, die mich stutzig machte: In der Methodik stand, das Jahr 1991 sei ausgeschlossen worden, weil es den Trend verzerre. Das ist der falsche Grund, denn damit ließe sich jedes unpassende Jahr streichen. Der richtige steckt im Wasserjahr: Es beginnt am 1. November, das Wasserjahr 1991 also schon am 1. November 1990. Die Messreihe beginnt aber erst am 1. Januar 1991. Dem ersten Jahr fehlen deshalb die beiden ersten Monate, es hat 304 Tage statt 365. Wir haben die Begründung ausgetauscht.